Lieber Zvonko, danke, dass Du bereit bist, dem Emmausboten ein persönliches Interview zu geben.
Sehr gerne. Es ist mir eine Ehre, dass ich meine Gedanken mit den Leserinnen und Lesern des Emmausboten teilen darf. Danke für Deine Fragen, liebe Caroline.
a) Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre, besonders 2024, möchten wir gerne wissen: Wie geht es Dir wirklich?
Ich fühle mich wohl. Die vergangenen Jahre nehme ich nicht als turbulent wahr, sondern eher als eine Möglichkeit zur persönlichen Reifung. Ja, mein Weg war in den vergangenen Jahren sehr steil und ab und zu unangenehm. Ich würde sagen, es war wie ein Klettersteig, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Dieser gehört jedoch zu meinem Leben. Wenn ich zurückblicke, würde ich es mit einem Schiff im Sturm vergleichen: Einiges ist verlorengegangen, einiges kaputtgegangen, das Schiff und die Mannschaft habe ich trotz allem in einen sicheren Hafen gebracht. Die Begutachter sind nun am Zug. Für das bin ich Gott dankbar.
b) Wie hast Du den neulichen Tod Deiner engsten Mitarbeiter erlebt?
Jedes Leben ist wertvoll und einmalig. Je älter man wird, desto mehr Todesfälle erlebt man in seinem Umfeld. Der Monat Dezember 2024 war jedoch mehr als überraschend. Stell' Dir vor, Du begegnest einer Person und redest mit ihr. Alles ist „normal“. Dann gehst Du in die Kirche, um Gott zu loben, und ca. 40 Minuten später wird Dir gleich nach der Messe gesagt: „Der Person geht es nicht gut. Die Ambulanz ist da. Es ist sogar lebensbedrohlich.“ Einen Tag später ist sie tot. Da spürst Du, wie ein Leben kostbar und doch zerbrechlich ist. Den eigenen Tod müssen wir sterben, mit dem Tod der anderen müssen wir leben – so sagt man. Das Zweite ist schwierig und mühsam. Mich trägt die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Die Mitarbeiterinnen sind uns in die Ewigkeit vorausgegangen. Einmal werden wir uns wiedersehen. Vielleicht sogar bald.
a) Die Trennung von den Pfarren Nikolaus und Inzersdorf-Neustift ist Dir nicht leichtgefallen, da Du viel Herzblut in diese Pfarren investiert hast. Wie ging es Dir damit bzw. was ist Dir in diesem Zusammenhang schmerzhaft bewusst geworden?
Bitte, erlaube mir, hier das Wort Trennung nicht zu verwenden. Im Sommer 2024 bin ich einfach zu dem Schluss gekommen, dass ich den Weg mit einer Gruppe oder einigen Menschen in diesen zwei Pfarren nicht mehr gehen kann. Denn es war von Anfang an kein gemeinsamer Weg. Zur Erklärung: Ein Priester ist für das Heil der Menschen in einer oder mehreren Pfarren eingesetzt. Wenn der Priester aber wahrnimmt, er kann nicht für das Heil der Menschen da sein – aus welchen Gründen immer. Wenn er wahrnimmt, dass es zu immer mehr Konflikten führt, warum auch immer, dann muss er den Mut fassen und sagen: „Diesen Weg kann ich mit dieser Gruppe bzw. diesen Menschen nicht mehr weitergehen. Denn dieser Weg bringt Schaden.“ Diese Verantwortung, dass der weitere gemeinsame Weg einigen Menschen schaden würde, konnte ich nicht übernehmen. Es wurde mir nämlich gesagt: „Egal wie die Menschen sind, sie waren vor Dir da und sie bleiben auch nach Dir!“ In meinen Augen hat das nichts mit dem Christentum zu tun. Meine Schmerzen habe ich als Opfer dargebracht für das Heil meiner Seele und auch für das Heil der Menschen, die mir vier Jahre lang anvertraut waren.
b) Was hat Dir dennoch mehr Energie gegeben als Kraft gekostet?
Ich habe in diesen vier Jahren gemerkt, dass es viele Menschen gibt, die die neuen Wege gehen wollen, die sich in den alten Strukturen der zwei Pfarren nicht wiederfinden und auch nicht wohl fühlen. In dem neuen Pastoralteam hat sich eine neue Perspektive abgezeichnet: Viele wollten etwas Neues beginnen. Die alten Strukturen waren aber für diese neue Situation nicht bereit. Vielleicht haben wir es auch nicht gut genug kommuniziert. Bekannt ist jedoch der letzte Satz: „Es war immer so.“ Heute denke ich, dass meine Ernennung zum Pfarrer der zwei zusätzlichen Pfarren im Jahr 2020 zu früh war. Dennoch bereue ich die wertvollen Erfahrungen, die ich gesammelt habe, nicht. Die engagierten Menschen in den Nachbar-Pfarren sind sehr wertvoll, und ich möchte ihnen von Herzen dafür danken, dass wir – allem zum Trotz – vieles erreicht haben.
c) Was hat sich für Dich persönlich verändert, seitdem Du nunmehr für unsere Pfarre Emmaus zuständig bist?
Die größte Veränderung besteht bei den Zeitressourcen. Wenn ein Priester nur eine Kirche und Gemeinde hat, kann er sich den Anliegen der Menschen intensiv widmen. Er hat Zeit für die Menschen. Er muss nicht von einer Gemeinde zur nächsten hetzen. Dazu eine Anekdote: Vor einiger Zeit hielt ich am Zentralfriedhof ein Begräbnis. Es war mein Bereitschaftsdienst, und die Familienangehörigen stammten aus einem anderen Bezirk. Nach dem Begräbnis bedankten sie sich für alles und fragten: „Wo sind Sie Pfarrer?“ Zum ersten Mal in den vergangenen fünf Jahren durfte ich nur eine Kirche nennen. Das war ein befreiendes Gefühl. Einfach eine Pfarre zu nennen und nicht erklären zu müssen, dass ich für drei Pfarren die Verantwortung trage, das war befreiend.
a) Auch wenn in der Kirche nicht geheizt wird und deshalb gefühlt Minusgrade herrschen, ist die Kirche von Mal zu Mal voller und immer wieder sind einige neue Gesichter zu sehen. Was ist Deine neue Strategie und wohin geht die Reise?
Ganz einfach: an Gott glauben und ihm vertrauen. Er fügt!
b) Welche zusätzliche Unterstützung wünschst Du Dir für Dein Wirken und von wem?
Gute Frage! Die Pfarre Emmaus wurde in den 1990er Jahren als fünfzehnte Pfarre des zehnten Bezirks gegründet. Die Pfarre repräsentiert die fünfzehnte Station des Kreuzwegs, die Auferstehungsstation. Die Gründungsurkunden zeigen, wie großräumig die Pfarrgrenze festgelegt wurde! Vielleicht können wir nun mehr zu den Wurzeln gehen und erforschen, welche Gebiete in den Gründungsjahren zu der Pfarre gehörten und gerade da eine neue pastorale Tätigkeit ansetzen. Mein großer Wunsch ist es, das Efeusyndrom zu vermeiden. Der Efeu erstickt ohne Absicht eine Eiche oder einen anderen starken Baum. Die alte Struktur macht unabsichtlich dasselbe. Das Wort Gottes aber ist lebendig und duldet keine alten Strukturen.
c) Wo siehst Du Dich in fünf Jahren?
In fünf Jahren, so hoffe ich, werde ich aufstehen und mit meiner Gemeinde die Hl. Messe feiern können.
Ein Prediger hat einmal gesagt: „Hat sich niemand bekehrt, hat sich niemand beschwert, war die Predigt nichts wert.“ Wie sieht Deine diesbezügliche Bilanz aus? Welches Feedback bekommst Du zu Deinen Predigten, und hast Du manchmal auch mit Beschwerden zu tun?
Eine Predigt ist immer da, um Gott die Ehre zu erweisen. Hat sie das nicht erreicht, ist sie wertlos. Die Predigt wäre auch wertlos, wenn die Menschen am Ende endlos klatschen! Eine Predigt ist gewissenhaft vorzubereiten. Ob sie danach verstanden wird oder nicht, ist eine andere Frage. Da möchte ich uns an das Vorbild Jesu erinnern. Wir lesen im Lukas-Evangelium (LK 4,14): Jesus kehrte, sogar erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gelobt und gepriesen, aber gleichzeitig wurde er in seiner Heimat abgelehnt. Warum? Predigte er nicht deutlich genug? Jesus hat gezeigt: Das Wort Gottes hat Zeit und kann nur mit der Zeit verstanden werden.“
Wie hat sich Deine persönliche Beziehung zu Gott entwickelt?
Es gibt das kroatische Lied „Pusti mreže te i sve poslove...“. Frei kann man das so übersetzen: „Immer auf Gott zu vertrauen, das ist der rechte Weg...“. Das Lied drückt meine innige Beziehung zu Gott aus. Ich vertraue ihm vollkommen. Warum? Einfach so!
a) Welchen guten Rat, den Du normalerweise anderen gibst, hast Du 2024 selbst nicht beherzigt?
Ich habe niemals einer Person etwas geraten, das ich nicht selbst tun würde.
b) Was ist Dir in den vergangenen Jahren richtig gut gelungen?
Am 19.2.2018, um 16 Uhr, war in Rom die öffentliche Verteidigung meiner Dissertation angesetzt. An demselben Tag wurde mein Vater in der Früh ins Spital eingeliefert: ein Schlaganfall. Es gab verschiedene Untersuchungen und das stundenlange Warten auf das MRT. Um 14 Uhr sah mein Vater auf die Uhr und sagte: „Du musst gehen!“ Ich sagte, „Wir warten noch eine halbe Stunde. Wenn in dieser nichts passiert, dann werde ich gehen.“
Ich betete. Es war für mich eine ausweglose Situation. Dennoch habe ich vertraut. Um 14:30 wurde mein Vater dann eingescannt. Als er wieder in seinem Bett lag, durfte ich ihn zur Aufnahmestation zurückschieben. Er insistierte, dass ich zur Verteidigung meiner Dissertation müsse, und blieb mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit im Bett liegen. Ich versprach, dass ich oder Schwester Vianeja ihn später abholen werden.
Danach rannte ich zurück zum Quartier. In Rom sind die Straßen sehr voll. Ich wusste: Durch ein zwanzigminütiges Sprintrennen komme ich in mein Quartier. Dann nehme ich ein Taxi, komme während der Fahrt in zehn Minuten zur Ruhe und werde rechtzeitig zur Verteidigung da sein. So war es dann auch. Etwa um 15:45 kam ich in der Aula an. Ich war noch voll verschwitzt! Nur wenige Menschen wussten von meinem Schicksal. Andere meinten, ich sei unnötig nervös!
Es ist mir aber gelungen, für meinen Vater da zu sein. Ich war Gott dankbar dafür, dass ich Fußball gespielt hatte und eine echt gute Kondition hatte. Dadurch bin ich rechtzeitig vom Spital zur Verteidigung meiner Dissertation an die Universität gekommen. Meine Dissertation und die Verteidigung derselben wurden übrigens mit „summa cum laude“ bewertet. Darauf bin ich echt stolz.
Was war Dein wichtigstes „Nein“, und warum war es wichtig, dass Du es ausgesprochen hast?
Das „Nein“ in meinem Leben bezog sich immer auf Neid und Eifersucht. Ich kann nicht erklären warum, aber es war immer so. Das erste Mal habe ich eine Erfahrung damit gemacht, als mir ein Kollege erklärte, was er alles hatte und besaß. Meine spontane Reaktion war: „Möge Gott Dir nochmal so viel geben“! Also mein „Nein“ bezog sich auf Neid und Eifersucht.
Was würde Dein engster Freund, der für Dich nur das Beste will, Dir für dieses Jahr raten?
Ich denke, alle die mich kennen, würden sagen: „Zvonko, bleib‘ wie Du bist.“
Wenn Du ein Tier wärst, welches würdest Du gerne sein?
Ich möchte kein Tier sein, aber wenn ich wählen darf, wäre ich ein Löwe, das entspräche am meisten meinem Handeln.
Herzlichen Dank, lieber Zvonko, für Deine Zeit und für alle Deine Gedanken, die Du mit uns geteilt hast. Es bleibt spannend.
Ich bin der Dankbare. Denn alles ist eine Gnade Gottes!
Caroline Sucec führte das Interview am 27.1.2025.